Evelyn

Altglas

Gus war gerade im Begriff die erste Flasche in den Container zu werfen, als ein Mann an ihn herantrat; Anzug, Krawatte, blitzblanke Schuhe. „Schön, dass ich Sie treffe, Herr Striegl,“ sagte der Mann. Wenn jemand ihn beim Nachnamen nannte, dann wusste Gus: Der wollte was von ihm und zwar irgendetwas Heikles. Immer. Das war Erfahrung. Meistens ging es um Geld, das er nicht hatte, manchmal um Ordnung, die er nicht hielt und als drittes um Arbeit, die er stets nach kurzer Zeit verlor. Für die meisten war er Gus oder der Gusto. Die Kinder riefen: „Da kommt der Hinkegus.“ Die Mutter hatte ihn manchmal „mein Gustav“ genannt, aber Herr Striegl war schlecht, ganz schlecht.

„Herr Striegl“ wiederholte der Mann, weil Gus nur verwirrt guckte und ein fragendes „Ja“ auf den Lippen hatte, das irgendwie feststeckte. Der Arm mit der Flasche war langsam gesunken. „Ich wollte schon länger mit Ihnen sprechen. Nur, wenn man an Ihrer Tür klingelt, passiert ja nichts. Und Ihre Post lesen sie wohl auch nicht?“

Man öffnet nicht die Tür, wenn draußen nur unliebsame Gäste stehen, dachte Gus, und man öffnet nicht den Briefkasten, in dem nur unbezahlte Rechnungen und Mahnungen stecken. Wenn er jemanden sehen wollte, dann ging er raus, hinter den Netto-Parkplatz, wo sich nur ein paar Leute mit Bier oder Durst auf ein Solches aufhielten, und die sagten alle Gus und nicht Herr Striegl.

„Herr Striegl, wir, das heißt die Stay-Control-Consultion-Group, versuchen Ihnen schon seit längerem mitzuteilen, dass … wie soll ich das jetzt ausdrücken … dass Sie entlassen sind.“ Gus atmete erleichtert aus. „Okay, da muss eine Verwechselung vorliegen. Ich arbeite ja gar nicht!“ Er hob erneut den Arm, um die Flasche loszuwerden. „Eben. Ja, das wissen wir. Darum geht es nicht, nicht nur. Ihre Wohnung …“ Gus ließ die Hand mit der Flasche erneut sinken. „Ich weiß, ich werde demnächst Ordnung schaffen. Bestimmt. Und die Miete ist bezahlt. Vom Sozi, und wenn es da ne’ Verzögerung gab, die kommt bestimmt noch. Im Moment hab ich mir nichts zu Schulden kommen lassen.“

Der Mann im Anzug, der sich ihm gar nicht mit Namen vorgestellt hatte, wie Gus erst jetzt bemerkte, seufzte tief. „Herr Striegl, es geht nicht nur um ihre Arbeit oder ihre Wohnung. Es geht um Ihr Leben!“ Gus war verwirrt. „Um mein Leben?“ stotterte er. „Was soll das?“ Der Mann kam näher, ganz dicht. Er flüsterte: „Was ist ihr Leben wert? Für wen sind Sie etwas wert? Gus sah ihn entgeistert an. Das waren doch die Fragen, die er sich selber stellte, wenn der Inhalt der Flaschen, die er jetzt ordnungsgemäß entsorgte, zur Neige gegangen war und er nicht rechtzeitig Nachschub besorgt hatte. Die Flasche entglitt seiner Hand und zerschellte auf den Betonplatten. Gus spürte, dass sich alles drehte. Er kam ins Trudeln, versuchte, sich am Container festzuhalten, rutschte, rutschte tiefer und hatte im Fallen den Eindruck, kleiner zu werden, seine Form zu verändern, handlich und gläsern zu werden. Er fiel in den Kies mit den übrigen leeren Flaschen und es machte ein Geräusch, als stieße Glas gegen Glas, wie hinter dem Netto-Parkplatz, wenn sie mit den Bierflaschen rundum anstießen. Und er sah, nein er spürte, wie der Mann im Anzug mit den blitzblanken Schuhen seinen Hals griff, ihn in die Höhe hob und durch das Loch des Containers „entsorgte“.

Der individuelle Wahnsinn

Stimme mich fröhlich, mein Wahnsinn.

Fülle die Hoffnung auf bessere Tage jeden Tag neu auf.

Gib Dich nicht zufrieden mich lächeln, lachen, heiter zu sehen.

Das alles vertreibt nicht die Dunkelheit.

Tünche, nichts als Tünche und du weißt es!

Verlass mich nicht,

denn das Vernünftige bringt einen um,

lässt einen nachts wachwerden und nicht mehr schlafen,

dann ist es drinnen so dunkel wie draußen.

Tief in einem.

Und erst mit den ersten Sonnenstrahlen der durchdringenden Helligkeit erwachst auch du,

mein Wahnsinn und gibst mir die Zuversicht zurück,

dass statt dem großen Dunkeln bessere Tage kommen.

HOLY NIGHT

Ein Krippenmusical ohne Musik


Mitwirkende:
Mary, Jossy und das Baby
Shepherd and the sheeps
Angel (im Gewand eines Kirchenvaters)
die 3 Kings
Chor der Landlords


Mary
Ich bin müde, mir ist kalt.


Jossy
Wir werden schon was finden.


Landlords
Nix da. Alles belegt.


Mary
Ich glaube, es geht los.


Jossy
Oh, Gott.


Tidelhit
Angel
Ihr Auftrag wird umgehen erledigt.


Shepherd
Sorry, wrong number. Falsch verbunden.


Angel
Ist hier keine Kleinfamilie, die eine Unterkunft sucht?


Shepherd
Niet. Nur ich und meine Schafe.


Angel
Mist, unser System funktioniert einfach noch nicht optimal. Das Amortisation and Improvement - Management arbeitet noch daran. Also, wo ich schon mal hier bin! Haben Sie nicht eine Bleibe für wenige Tage? Sie werden auch was davon haben.


Shepherd
Aber nur, wenn‘s ohne Rechnung ist.


Angel
Das ist Steuerhinterziehung!


Shepherd
Das ist Überlebensstrategie!


Angel
Ich werd‘ mal beide Augen zudrücken.


King 1
Habt ihr auch alles gut abgeschlossen?


King 2
Jau


King 1
Bügeleisen ausgeschaltet?


King 3
Jau


King 1
Haben wir auch nichts vergessen? Hast du den Weihrauch?


King 2
Jau


King 1
Das du mir aber nichts in die eigne Nase schnüffelst.


King 2
Seh‘ ich etwa so aus?


King 1
Leider ja.

King 3

Hast du die Myrrhe auch nicht vergessen?


King 2
Myrrhe? Myrrhe! Ich habe Majoran verstanden. Ich hatte mich auch schon gewundert.


King 1
O.K., vielleicht merkt‘s ja keiner.


Angel zu Jossy und Mary
Hier hätten wir erst mal was für Sie.


Jossy
(wenig überzeugt)
Ganz nett!


Shepherd
(ganz Miethai)
Beste Wohnlage in freier Natur. Unverbaut. Wahnsinns Aussicht. Außerdem Biogasanlage (er deutete auf Kuh und Esel) uneingeschränkte Frischluftzufuhr (er deutete auf das undichte Dach) Sie dürften als eine der ersten in einer Anlage mit grüner Umweltplakette wohnen. Herzlichen Glückwunsch.


Mary u. Jossy
Ah, Danke.


Shepherd
Was wollen die denn?


Angel
Ich tippe auf arbeitslose Straßenmusiker.


Shepherd
Eine Ü-40 Boygroup. Yeah.


King 1
Man hat uns hierher geleuchtet.


Shepherd
Viele Navis führen in die Irre.


King 1
(streng)
Dieses nicht! (und deutet nach oben)


Angel
Wer sind Sie denn!


King 3
Die „Heiligen drei Könige“


Shepherd
(zur Seite)
Mit dem Namen werden die nie was!


King 2
Wir haben auch was mitgebracht!


King 3
Geschenke!


King 1 (laut)
Gold!


Alle
Ah.


King 2 (laut)
Weihrauch!


Alle
Ah.


King 3 (laut)
Majoran


Alle
Oh.


Angel
Ja, ja. Sehr schön. Aber das kann nicht richtig sein. Da ist sicher was falsch verlinkt worden. Es handelt sich hier nur um 2 bzw. demnächst 3 wohnungslose Harz4ler mit Migrationshintergrund.


Shepherd
(zu den Kings)
Man munkelt, er sei nicht mal der Vater des Kindes!


King 2
Nicht möglich!


King 3
Zustände sind das!


King 1
Egal!


Angel
Wie ich die Leute kenne, kaufen die sich gleich ein Großbildfernseher und ein Sky-ABO. Die können doch alle nicht mit Geld umgehen. Statt es bei einem Kreditinstitut Gewinn bringend anzulegen. Es gibt auf manche Wertpapiere wahnsinnstraumhafte Renditen.


Mary
Wir könnten des ganz gut gebrauchen. Arm sein ist ein teurer Spaß!


Shepherd
Na, na, Harz 4 und ein bisschen illegaler Nebenverdienst und es lässt sich doch ganz gut in der sozialen Hängematte leben (baumeln).


Mary
Bildung gibt es nicht umsonst!


Angel
Aber Taxifahrer mit Hochschulabschluss wie Sand in der Wüste. Sozialschwache schaffen Arbeitsplätze. Wussten Sie nicht? Nein? Jetzt wissen Sie es! Sozialpädagogen, Gefängniswärter, Jugendämter, Integrationsbeauftragte, Sozialarbeiter und auch Logopäden, Polizisten, Waffenhändler und Ärzte und vieles mehr.


Jossy
Sie meinen, das sollte man nicht gefährden?


Angel
Auf gar keinen Fall.


King 1
Schluss jetzt! Die Geschenke werden angenommen. Das ist der Plan. Ich bitte nur, den Empfang zu quittieren.


Angel
Ich weiß nicht. Das muss alles ein Irrtum sein. Ich trage schließlich die Verantwortung. Vielleicht sollte man erstmal eine Sonderkommission mit der Sache betrauen. Wegen der rechtlichen Grundlagen und so.


Shepherd
Hey, bleib locker! Die Straßenmusikergang setzt das einfach als Spende von der Steuer ab und wir sind aus dem Schäfer äh, Schneider.


Angel zu Jossy
Aber damit es nicht zu Überzahlungen bei der ARGE kommt, müssen Sie morgen unverzüglich ihren zuständigen Sachbearbeiter kontaktieren!


Shepherd
Aber jetzt wird gefeiert, Weihrauch für alle!

 

Die Landlords johlen. Das Baby schreit.

 

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