Elsa

Versuch über den Verbleib der Liebe

Barbara

Sie nahm ihre Hand von Valentins Schulter und ging, drehte sich an der Treppe noch einmal um. Er hatte die Zeitung aufgeschlagen, tat, als lese er.

Durch die hohen Fenster fiel das Leuchten der untergehenden Sonne in den stillen Laden, schimmerte warm auf polierten Schränken und Vitrinen, setzte Glanzpunkte auf Kristallkaraffen und silberne Girandolen. Hinter Anna wirbelten Staubteilchen im Licht, sanken langsam zu Boden.

Immerhin, eine Spur meiner Anwesenheit, dachte sie grimmig, nahm das Blechschild vom Haken und hängte „Geschlossen“ in die gläserne Tür.

Draußen flammte ihr die Hälfte des Himmels in dunklem Rot entgegen, ihre Schritte wurden leicht in der warmen, weichen Luft und mit wachsender Aufmerksamkeit nahm sie das Leben in der Straße wahr. Nebenan klapperte ein eiserner Fahrradständer über das unebene Pflaster, der hohe wackelige Postkartenständer verschwand quietschend im Innern der kleinen Galerie, gegenüber stand ein Fenster offen, jemand spielte Klavier, Anna freute sich.

Ach, Barbara, dachte sie. Wie schön wäre es, den Abend irgendwo in den Straßen zu verbringen. Vielleicht der letzte schöne Spätsommerabend in diesem Jahr, dachte sie heuchlerisch und schämte sich. Es sei wichtig, hatte Barbara gesagt, ungeheuerlich und nur unter vier Augen.

Entschlossen ging Anna auf den Blumenladen zu, auf Eimer und Krüge voll leuchtend bunter Blumen, sah sich nach einem fertig gebundenen Strauß um, ging schnell weiter. Vorbei an der Kirche und über den Platz mit der schönen Linde, lief sie gleichsam hinein in das rote Leuchten und je näher sie der Gasse kam, in der Barbara lebte, desto schneller wurden ihre Schritte.

Sie bog um die Ecke und sah Barbara in ihrem Schlafzimmerfenster, Ausschau haltend. Im nächsten Moment ging die Haustür des schiefen kleinen Fachwerkhauses auf und sie umarmten sich.

„Bist du die Treppe runtergefallen?“

„Schön, dass du da bist.“

Auf der schmalen Treppe nach oben sagte Anna gedankenverloren: „Eigentlich komisch, dass du auch unterm Dach wohnst.“

Barbara lachte: „Merkst du das jetzt erst?“

Anna lachte auch. „Ich wollte dir Blumen mitbringen, aber da hing dieser Mensch im Laden rum, du weißt schon.“

„Vergiss es“, sagte Barbara. „Außerdem sollst du nicht immer etwas mitbringen.“

„Tu ich gar nicht.“

Sie ging voraus auf den winzigen Balkon, quetschte sich an drei eng nebeneinander stehenden Klappstühlen vorbei, setzte sich auf den in der Ecke. Auf dem mittleren stand ein Tablett mit Gläsern, Wasser und Wein, Kondenswasser perlte auf den Flaschen.

Barbara kam mit Salat und Brot und gab Anna eine Gabel. Sie aßen und tranken und bewunderten den grandiosen Sonnenuntergang.

Hinter dunklen Baumkronen durchzogen orangefarbene Streifen das tiefe Rot des Himmels, vom Fluss klang das Tuckern eines Lastkahns herüber, schwarze Vögel flogen über die Baumreihe hin, flussaufwärts, zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Besser als in den Straßen, dachte Anna.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Barbara. Plötzlich wirkte sie angespannt, als dürfe sie das Ungeheuerliche, von dem sie gesprochen hatte, nicht aus den Augen lassen, als könne sie es nur mit Mühe kontrollieren.

„Auf uns!“, sagte Anna unnötig laut und räusperte sich. Im Erdgeschoss wurde die Terrassentür aufgeklinkt und sie hörten Frau Krumwiede über die Steine schlurfen.

„Wie geht es Basti?“, fragte Anna leise. „Hat er sich schon eingelebt?“

„Ach, der! Dem geht’s gut! Du hättest sehen sollen, wie glücklich er in den Bus geklettert ist und seine alte Mutter vergessen hat. Hat sich nicht mal mehr umgedreht. Und der Betreuer sagt, dass er sich mit allen in der Gruppe gut versteht.“

„Was willst du mehr!“

„Ja.“ Barbara trank einen Schluck und runzelte die Stirn, als wäre Kork im Wein, obwohl die Flasche einen Schraubverschluss hatte.

„Und wie geht es Valentin?“, fragte sie.

„Er hat Liebeskummer“, sagte Anna. „Wieder mal. Aber lass uns nicht über Valentin reden.“

Das war die Eröffnung. Barbara leerte ihr Glas mit einem großen Schluck. „Wollen wir reingehen?“

In der kleinen Stube war es deutlich kühler und dunkler. Anna verkroch sich in die Sofaecke, wie immer, zog die Beine hoch und umarmte eines der Kissen.

Barbara schenkte Wein ein, setzte sich in den abgewetzten Ohrensessel, machte sich im Schatten unsichtbar. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll“, begann sie und schwieg, bis Anna: „Wie es dir gerade einfällt“ sagte.

„Ja. Nur, es fällt mir schwerer, als ich dachte. Sogar bei dir. Du musst Geduld haben.“

„Kein Problem.“

„Also. Alles fängt mit Basti an, das heißt, neun Monate vor seiner Geburt, logisch. Weißt du, Anna, was ich total lieb von dir fand, all die Jahre? Dass du mich nie nach seinem Vater gefragt hast. Das wollte ich dir immer schon sagen.“ Anna zuckte mit den Schultern. „Der Blödmann interessiert mich nicht.“

Ein one-night-stand, hatte sie gedacht und natürlich nicht nachgefragt. Oder der Mistkerl hatte sich nach Art der Männer aus dem Staub gemacht. Was wahrscheinlich war und auch kein Grund, ihn zu erwähnen.

„Aber um den geht es. Um den Blödmann.“ Barbara lachte unfroh. „Ausgerechnet an Bastis Geburtstag ist er wieder aufgetaucht, komisch, nicht?“

„Bastis Vater?“ Anna schwang die Beine vom Sofa, beugte sich vor. „Er war hier?“

Barbara schüttelte den Kopf. „Im Fernsehen. Ich weiß, das hört sich total meschugge an, aber so war‘s.“

Anna fühlte sich unbehaglich, zweifelte, sagte: „Erzähl! Von Anfang an!“

„Ja, also, das war an Bastis Geburtstag. Ein schöner Tag, jedenfalls bis dahin. Ich hab‘ mich gefreut, dass ihr da wart. Basti natürlich auch. Er hat alle sehr gern, Valentin und Frau Krumwiede auch, na ja. Und dass er dich liebt, sowieso, das weißt du ja.“

Anna lächelte. Gleich war die Erinnerung wieder da, die Bilder der ersten Begegnung, der Spielplatz. Sie hatte fotografieren wollen an dem Tag, war stundenlang durch die Gegend gelaufen, unruhig und unzufrieden, ohne ein stimmiges Motiv zu finden und war auf einer Bank am Rande eines Spielplatzes gelandet, randvoll mit schlechter Laune.

Ohne die mindeste Lust, sich um irgendjemanden zu kümmern, schon gar nicht um die schöne junge Blondine auf der anderen Bank.

Dann war ein Eichhörnchen keck über den gelben Sand gelaufen, hatte scheinbar furchtlos innegehalten und sich umgeschaut und nur Anna und ein stämmiger kleiner Junge hatten es bemerkt. Über die jubelnde Freude des Jungen hatte Anna laut lachen müssen und war mit drei gnadenlos kurz abgerupften Gänseblümchen beschenkt worden.

Erstaunt hatte sie festgestellt, dass die Blondine die Mutter des Jungen war. So hatte es angefangen. Seitdem war Anna Tante und Spielkumpan und Barbaras Freundin.

Ihr fiel die Stille erst auf, als sie Barbara leise schniefen hörte. Schnell setzte sie sich auf die Sessellehne, umarmte die Freundin, so gut es ging. „Wenn du vielleicht doch lieber nicht reden möchtest, das ist in Ordnung. Wir können einfach nix sagen, oder ein anderes Mal, wie du willst.“

Barbara schüttelte den Kopf: „Geht schon.“ Wieder schniefte sie und Anna zerrte ein zerdrücktes Taschentuch aus der Hosentasche. „Sauber isses.“

„Danke.“ Barbara putzte sich die Nase. „Diese blöden Erinnerungen. Plötzlich ist alles wieder da.“

„Ja. Klar.“

„Also. Als ihr gegangen wart, wollte Basti unbedingt einen Film sehen. Du kannst dir denken, welchen. Ich war noch in der Küche, da hatte er den Fernseher schon eingeschaltet und als ich ins Zimmer kam, flimmerte sein Vater über den Bildschirm, sozusagen.“

„Unglaublich“, sagte Anna und kämpfte gegen ihren Zweifel. Barbara hatte geweint, das zählte. „Was hat er da gemacht? Ich meine, weshalb war er im Fernsehen?“

„Er hat ein Interview gegeben.“

„Ein Interview? Worum ging es?“

„Um Drogen. Er scheint Politiker geworden zu sein. Jedenfalls hat er über Drogenpolitik gesprochen.“

„Hm. Gab es einen aktuellen Anlass?“

„Ja, offenbar gibt es ein Treffen in Berlin, zu dem er auch eingeladen ist.“

„Ich bin ganz platt, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Anna sah irritiert aus. „Was willst du jetzt machen? Nimmst du wieder Kontakt zu ihm auf?“

„Wieder?“, Barbara klang bitter. „Das ist nicht so einfach.“

„Warum nicht?“

„Also, erstens lebt er in England…“

„In England?“

„Ja, er ist Engländer.“

„Ach. Wie habt ihr euch kennengelernt?“

„Kennengelernt?“ Wieder lachte Barbara unfroh. „Wenn du genügend Zeit hast, erzähle ich’s dir?“

„Hallo? Deswegen bin ich hier, oder?“

Barbara holte tief Luft. „Ja, also, das war so: vor neunzehn Jahren hatte ich eine Einladung nach England. In den Weihnachtsferien. Im letzten Schuljahr. Und aus welchem Grund auch immer, jedenfalls bin ich nicht abgeholt worden. Vom Flughafen-Terminal in London, meine ich.“

Anna runzelte die Stirn. „Ziemlich daneben.“

„Ja. Zusammen mit mir hat noch eine andere Frau gewartet, auch eine Deutsche. Eine Weile sah es so aus, als sei sie auch vergessen worden. Aber dann kam ihr Freund doch noch, mit seinem Londoner Gastgeber.

Der Freund sprach ganz gut Deutsch, der Gastgeber nicht. Ich fand, dass sie nicht gut zusammenpassten, die Susanne und ihr Freund. Ich glaube, er war Musiker und er wirkte lustig und warmherzig und sie war zwar bunt und flippig zurechtgemacht, aber sie hatte Augen wie ein Fisch, so kalt.

Na, egal. Ich war froh, nicht allein zu sein. Die drei sprachen miteinander, ich verstand meinen Namen, dann sagte die Susanne, ich könne auch bei ihrem Gastgeber übernachten und am nächsten Morgen würden sie mich in den richtigen Zug setzen.“ „Oh, gut.“

Barbara hielt inne, schüttelte im Rückblick den Kopf. „Falls du dich gefragt hast, weshalb ich nicht versucht habe, meine Gastgeber zu erreichen: ich weiß es einfach nicht mehr. Zuerst habe ich wohl nicht geglaubt, dass ich nicht abgeholt würde. Und dann war es einfach zu spät. Keine Ahnung.“

Anna griff nach der Flasche und Barbara stand auf, um eine neue zu holen, dann fuhr sie fort: „Wir haben uns also zu viert in den Wagen gequetscht, so ein flacher, dunkelgrüner Sportwagen, du weißt schon, mit kaum Platz auf dem Rücksitz. Da mussten die beiden hocken, Susanne und ihr Freund. Den Beifahrersitz hat Peter mir angeboten. Ich meine, richtig nett und so, nicht irgendwie komisch.“

Peter, dachte Anna.

Oh, Barbara erinnerte sich noch so gut an seine Nähe in dem engen, unbequemen Auto, an sein Lächeln, an seine Fürsorglichkeit, mit der er ihre Tasche verstaut und ihr beim Einsteigen geholfen hatte, so angenehm erwachsen und selbstbewusst. Sogar an die feinen blonden Härchen auf seinem gebräunten Handrücken konnte sie sich erinnern. Schöne Hände, hatte sie gedacht, während er durch das nächtliche London steuerte. Sie hatte sich zu ihm hingezogen gefühlt.

„Es ist ja mitten in der Nacht gewesen“, erzählte sie, „aber in den Straßen war noch jede Menge los. Ich erinnere mich an einen komischen Kauz, der in Schneeschuhen durch die Gegend stapfte, obwohl nicht eine Flocke gefallen war.“

Anna lachte: „Diese Briten! Ich lass noch mal ein bisschen frische Luft rein, ja?“ Sie öffnete die Balkontür einen Spalt. Erschreckend kalt strömte es ins Zimmer.

„Soll ich weiter erzählen?“, fragte Barbara.

„Blöde Frage.“ Anna schloss die Tür, blieb stehen. „Ist noch Brot da? Nur, weil mein Magen knurrt.“

„In der Küche.“

Anna holte den Brotkorb und setzte sich wieder in ihre Sofaecke. „Entschuldige.“

Barbara sagte: „In meiner Erinnerung ist es eine längere Fahrt gewesen, raus aus dem Zentrum, in eine ruhige, ziemlich vornehme Gegend. Irgendwann hielten wir vor einem großen Haus, mit hell erleuchteten, hohen Fenstern und Musik. Man konnte Leute tanzen sehen. Vielleicht war die Party der Anlass für das Treffen der drei in London. Egal. Peter hat uns in die Souterrainwohnung gebracht, in der wir schlafen konnten.“

Er hatte Barbara ein breites Sofa gezeigt, in einer Art Alkoven im Flur, hatte Bettzeug aus einem Kasten genommen, es geschickt und schnell auf dem Sofa ausgebreitet. „Hope you’ll find it comfortable“, hatte er gesagt.

Barbara hatte neben ihm gestanden, sich unbeholfen und überflüssig gefühlt. Er riecht gut, hatte sie gedacht und war rot geworden. Peter hatte sie angelächelt und zu der Party eingeladen. Sie hatte Food und Drinks und Music verstanden und zaghaft zurück gelächelt, verwirrt, mit Herzklopfen. Flüchtig hatte er ihren Arm berührt, hatte „See you!“ gesagt und war gegangen.

Wie angewurzelt hatte sie neben dem Sofa gestanden, die Hände auf ihre heißen Wangen gepresst. Später hatte Susanne sie aus Fischaugen durchdringend gemustert und gesagt: „Du weißt schon, dass das nur eine Einladung aus Höflichkeit war, oder? Ihm ist ja praktisch nichts anderes übrig geblieben.“ Ihr kalter Blick hatte keinen Widerspruch geduldet.

„Ich bin sowieso viel zu müde“, hatte Barbara gespielt gleichgültig erwidert und plötzlich gefroren. „Ich verzieh mich.“

Noch jetzt, neunzehn Jahre später, fühlte sie heftiges Bedauern. Sie griff in den Brotkorb, warf einen Blick auf Anna, konnte nicht erkennen, ob die Freundin eingeschlafen war und drehte Kügelchen aus dem weichen Brot.

„Die Susanne und ihr Freund haben sich aufgebrezelt und sind dann verschwunden“, teilte sie dem dunklen Zimmer mit. „Ich hab‘ mich aufs Sofa gelegt und gelesen. Über dem Kopfende war eine kleine hölzerne Tür in der Wand, durch die ich die Musik hören konnte. “

„Ein Speiseaufzug, vielleicht“, hörte sie Anna sagen und nickte: „Ja, gut möglich.“

Sie stand auf und schaltete die altmodische Stehlampe mit dem goldfarbenen Schirm ein, zupfte an den glänzenden Fransen. Wäre ich bloß auf die Party gegangen, verfluchte sie ihre Vergangenheit, dann wäre es sicher nicht passiert, alles wäre möglich gewesen.

Sie sieht immer noch wie ein Schulmädchen aus, in diesem weichen Licht, dachte Anna. „Und dann?“, fragte sie.

„Und dann“, sagte Barbara mit dünner, flacher Stimme und wandte ihr Gesicht ab „ist es passiert.“ In der Nische hatte sie sich wohl gefühlt, geborgen, wie in einer Muschel, und nachdem die beiden gegangen waren, hatte sie ihr Nachthemd aus der Reisetasche genommen.

„Irgendwann bin ich ziemlich müde gewesen und ins Badezimmer gegangen“, fuhr sie fort, „Zähneputzen und so. Und natürlich habe ich die Tür verschlossen, wie man es eben macht, wenn man ins Bad geht. In ein fremdes Bad.“

Sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen und schüttelte mutlos den Kopf, nein, sie konnte es nicht erzählen. Lautlos liefen die Tränen über ihr Gesicht, wenn sie das Kinn erreichten, wischte sie sie mit dem Handrücken ab. Anna hörte sie schwer atmen, sah sie steifbeinig durchs Zimmer gehen, hin und her, und wagte nicht, etwas zu sagen. Vor der Balkontür blieb Barbara stehen, betrachtete ihr Spiegelbild oder schaute in die Dunkelheit.

„Die Badewanne hätte dir gefallen. Sie war riesig und stand mitten im Raum, auf vier Füßen. Für die Klospülung musste man an einer Kette ziehen, an einem Griff aus weißem Porzellan, mit zarten, dunkelvioletten Blüten drauf. An Wand gegenüber war ein Regal, mit stapelweise bunten Handtüchern.“

Sie hatte ihre alberne rosafarbene Kulturtasche auf den Rand des Waschbeckens gestellt und sich über die Armaturen amüsiert, kleine weiße Porzellanpropeller zum Auf- und Zudrehen und hatte über die Größe der Badewanne gestaunt, die mitten im Raum stand. Aber etwas anderes als Zähneputzen und Hände und Gesicht waschen, hätte sie sich nie getraut. Plötzlich hatte Wasser hinter der Wand gerauscht und sie heftig erschreckt, dann waren Türenschlagen und albernes Frauenlachen zu hören gewesen und ihr Herzschlag hatte sich wieder beruhigt.

Sie hatte den hölzernen Klodeckel hochgeklappt, sich gesetzt und wollte, als sie fertig war, an dem Porzellangriff mit den aufgemalten Blüten ziehen.

Da hatte ein Geräusch sie aufblicken lassen und wie in einem Traum hatte die Wand gegenüber sich bewegt, lautlos, war das Regal mit den bunten Handtüchern auf sie zugekommen und dann hatte Peter im Raum gestanden. Nur langsam hatte sie begriffen, dass es keine Halluzination, dass er es wirklich war und dass er auf sie zukam.

Seltsam fremd, mit starrem Blick, ohne ein Lächeln, ohne eine Spur des Erkennens.

Verlegen hatte sie den Porzellangriff losgelassen. Undenkbar, in Gegenwart dieses Mannes die Klospülung zu betätigen. Noch nie war ihr etwas so peinlich gewesen. Gewiss hatte er nicht erwartet, seinen ungebetenen Gast zu so später Stunde noch vorzufinden.

Sie hatte eine Entschuldigung gemurmelt, nach ihrer Kulturtasche gegriffen und an ihm vorbei das Badezimmer verlassen wollen. Aber er hatte vor ihr gestanden, sie festgehalten und ehe sie sich versah, hatte sie auf dem Boden gelegen, unter ihm, ihre Hände gegen seine Brust gestemmt. Panisch hatte sie auf ihn eingeredet, eine Geschichte von einem Freund, den sie liebe und der zuhause auf sie warte. „Don’t worry“, hatte Peter gesagt.

„Es hört sich komisch an“, sagte sie durch das Rauschen in ihren Ohren, „aber plötzlich hat das Regal sich bewegt und dann stand Peter da.“

Sie hielt sich am Griff der Balkontür fest, schloss die Augen. „Und dann hat er mich vergewaltigt.“

„Oh, Barbara“, sagte Anna, plötzlich erschöpft und müde wie alle alten Frauen zusammen und nahm die weinende Frau in die Arme. Viel später fragte sie: „Hast du ihn gleich wiedererkannt? Im Fernsehen, meine ich?“

„Ja.“

„Und jetzt? Was willst du machen?“

„Er ist verheiratet“, sagte Barbara, „und er hat eine Tochter.“

„Und einen Sohn“, sagte Anna und wunderte sich, dass Basti wirklich einen Vater hatte.

Barbara schwieg und schlang die Arme um sich.

„Ich finde, er hat ein Recht, es zu wissen“, sagte Anna. „Oder, besser gesagt, die Pflicht.“

Barbara schwieg.

„Sag nicht, dass du es ihm nicht sagen willst. Denk an Basti! Wo ist das Problem?“

„Ich weiß nicht“, sagte Barbara leise, „so plötzlich mit einem Kind konfrontiert zu werden…“

„Plötzlich? Ach so, verstehe, er soll auch neun Monate Zeit haben, sich zu freuen. Das nenne ich fair.“

„Anna“, sagte Barbara bittend, legte ihre Hand auf Annas Arm. „Soll ich uns einen Kaffee machen? Oder besser, einen Kakao?“

Anna nickte und schüttelte den Kopf. „Ich versteh es einfach nicht! Dass du Rücksicht nehmen willst, auf diesen Mistkerl!“

„Geh bitte nicht an die Decke“, bat Barbara, „aber ich glaube nicht, dass er sich überhaupt daran erinnert.“ Sie zog Anna mit sich in die Küche.

„An die Vergewaltigung, meinst du?“, fragte Anna böse. „Das will ich gern glauben, dass er das Kapitel verdrängt hat.“

„Nein, so meine ich es nicht. Vielleicht glaubst du mir nicht, aber der Peter, der ins Badezimmer kam, das war er nicht. Das war nicht der Peter von vorher, vom Terminal und der Fahrt, und so. Er war wie ein Fremder, völlig verändert, so, als wären wir uns noch nie begegnet.“ Barbara klang atemlos, als sie die Becher auf den Tisch stellte, schwappte etwas Kakao über.

„Heißt was?“, fragte Anna.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Barbara traurig. „Weißt du, es ging auch sonderbar weiter. Am Morgen … danach, bin ich sehr früh aufgestanden. Geschlafen hatte ich sowieso nicht. Und als ich in die Küche kam, sie hatten ja versprochen, mich zur Bahn zu bringen, saß Peter da.“

„Ach.“

„Ja. Er hatte auf mich gewartet. Allein. Stand gleich auf und war so freundlich und zuvorkommend, wie am Abend vorher. Und irgendwie unsicher. Sah mich immer wieder von der Seite an, wollte wohl etwas sagen, oder fragen … Er gab mir einen Becher Tee, bot mir etwas zu essen an, aber Hunger hatte ich wirklich nicht.“

„Versteht sich.“

„Ich glaube, ich habe nur den Kopf geschüttelt und mich bedankt, oder so, und ihn nicht angesehen. Er hat mich dann zum Bahnhof gebracht und an den Zug und da hat er dann gefragt, ob alles in Ordnung sei, ob es mir gutginge. Sehr eindringlich, weißt du.“

„Lass mich raten“, sagte Anna, „du hast genickt und nichts gesagt, richtig?“

Ein abgrundtiefer Seufzer. „Könnte sein.“

Anna sah nachdenklich aus. „Hört sich wirklich komisch an, das gebe ich zu. Besonders, dass er am Morgen auf dich gewartet hat.“

„Ja. Und wirklich, Anna, da im Badezimmer, da war er wie eine Marionette, wie fremdgesteuert.“

Sie klingt wie eine liebende Mutter, die ihr missratenes Kind verteidigt, dachte Anna. „Denkst du, dass er Drogen genommen hatte?“

Barbara nickte. „Ja. Sowas habe ich gedacht.“

„Ich finde, Drogen sind keine Entschuldigung“, sagte Anna. „Bevor er das Zeug genommen hat, war er doch klar im Kopf. Da hätte er die Konsequenzen bedenken können.“

„Ja“, sagte Barbara zögernd. „Aber wenn er es nicht gewusst hat, Anna? Wenn er es nicht selbst genommen hat? Wie das Zeug, das man den Leuten in den Drink schüttet, du weißt schon.“

„Denkst du denn, dass da so schräge Leute waren, auf der Party?“

Barbara zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Diese Susanne, die kam mir so vor.“

„Weil sie Fischaugen hatte?“

Barbara lachte.

„Barbara, wenn du das Gefühl hattest, dass er in Wirklichkeit ein netter Mann ist, warum hast du ihm nichts gesagt? Mindestens, als du gemerkt hast, dass du schwanger bist.“

„Wie denn? Ich habe ja nicht gewusst, wie er heißt und seine Adresse hatte ich auch nicht. Ich konnte mich nicht mal an die Hausnummer erinnern, geschweige denn an die Straße. Keinen Nachnamen, keine Adresse.“

„Verstehe. Blöder Scheiß“

„Ja. Jetzt weiß ich wenigstens, dass er Brendon heißt, Peter Brendon.“

Schweigend tranken sie den kalten Kakao. Anna fischte die Haut von der Oberfläche und lutschte sie vom Löffel. „Saublöde Situation“, seufzte sie nachdenklich. Dann fiel ihr Berlin ein. „Was hast du gesagt, worum es in dem Interview ging?“

„Drogen. Peter macht irgendwas mit Drogen, also dagegen, meine ich. Deswegen kommt er nach Berlin, zu der Tagung.“

Peter, dachte Anna wieder. Es hörte sich an, als wäre da mit einem Mal eine kleine Familie um Barbara. Sie fühlte einen Stich Eifersucht und schüttelte den Kopf über sich selbst.

„Warum schüttelst du den Kopf?“

„Weil ich alt und schrullig werde.“

„Unbedingt.“ Barbara lächelte sie an. „Von Minute zu Minute wird es schlimmer.“

„Sei nicht albern. Also! Wirst du hinfahren? Nach Berlin?“

Das Lächeln verschwand. „Ich weiß es nicht. Mal denke ich ja und dann wieder nein. Es ist nicht so einfach.“

„Natürlich nicht.“

Sie schwiegen.

„Wann ist denn die Tagung?“

„In sechs Wochen.“

„Gut. Dann ist ja noch Zeit genug.“

„Ja.“

„Ich würde aber ruhig schon mal ein Zimmer buchen. Für alle Fälle. Am besten in dem Hotel, in dem er absteigt.“

„Das werde ich mir kaum leisten können. Und überhaupt …“

„Barbara! Sei nicht blöd!“

„Du meinst, du willst das bezahlen?“

„Immer noch blöd.“

Barbara bewegte verneinend den Kopf. „Es ist wirklich nicht dein Ding, Anna.“

„Natürlich ist es das!“, sagte Anna mit Nachdruck. „Du bist mein Ding und Basti ist mein Ding. Und du hast gesagt, dass ich wichtig bin für ihn! Also?“

„So gesehen …“, sagte Barbara zögernd.

„Genau. Sieh es so.“

Sie sahen sich an, mussten lachen und plötzlich war Aufgeregtheit und Leichtigkeit da, Kofferpacken und sich vor dem Spiegel drehen. „Verrückt“, sagte Barbara.

Später, als sie Anna zur Tür brachte, betonte sie: „Aber ich habe mich noch nicht entschieden!“

„Nein, nein. Kann ich Valentin davon erzählen?“, fragte Anna. Sie würde es ohnehin tun, das wusste Barbara und wieder musste sie lächeln.

„Ja, klar“, sagte sie. „Obwohl, peinlich ist es mir schon, dass ich so blöd war:“

„Du spinnst!“

Wenig später kam Annas Taxi.

„Na, endlich. Ist jetzt schon verdammt kalt, nachts.“

„Ja. Herbst.“

„Altweibersommer.“