Gudula

VERPASSTE GELEGENHEIT?

„Guten Tag! Ist da noch frei?“, frage ich höflich und warte vergeblich auf eine Antwort. In diesem Fall entscheide ich eben selber, dass der Platz noch zu haben ist. Vielleicht ja noch mehr als nur der Platz am Fenster!

Also Jacke aus und verstaut, Rucksack Platz sparend in die Ecke gequetscht. Der Typ sieht wirklich gut aus. Genau mein Fall. Dunkles, dickes Haar, sympathisches Äußeres und ein kurzer Blick - kein Ehering.

Bis jetzt kommt von ihm nicht die kleinste Geste, ob er überhaupt zur Kenntnis genommen hat, dass er das Zugabteil nicht mehr alleine besetzt. Er scheint ganz tief in Gedanken versunken. Meilenweit weg. An was mag er wohl denken, wie er so aus dem Fenster schaut und die vorüber fliegende Landschaft gar nicht wahr zu nehmen scheint. Denkt er an etwas Schönes oder Trauriges. Seinem Gesichtsausdruck kann man es nicht entnehmen. Er scheint einfach nur abwesend.

Es gibt wirklich nicht viel zu sehen. Schneebedeckte Wiesen und Felder, ab und zu einen tief verschneiten Wald. Weiß, alles nur weiß. Aber irgendwie beruhigend.

Und wie ich selber so aus dem Fenster schaue, wird der Typ zur Nebensache, und ich verfalle auch ins Träumen. Ich sehe meinen Bruder und mich im Schnee tollen. Wir rennen herum und lassen uns einfach ins weiche Weiße fallen. Es ist so real, dass ich glaube die Kälte und die Nässe im Gesicht und auf den Händen spüren zu können. Der Schneemann ist uns diesmal wirklich gut gelungen. Sogar an Augen, Nase und Mund haben wir gedacht. Dass meine Mütze auf seinem Kopf thront, stört mich momentan überhaupt nicht, obwohl meine Ohren schon ganz rot und kalt sind. Wir sind ausgelassen, fröhlich und lachen, wenn uns der andere mit einem Schneeball trifft. Und wie schön war es erst nach einem draußen verbrachten Winternachmittag, wenn wir zum Auftauen in die warme Badewanne gesteckt wurden. Anschließend eingewickelt in eine dicke Decke aufs Sofa, bei heißem Kakao oder Tee.

Nur sehr ungern kehre ich in die Wirklichkeit zurück. Der Zug bremst ab und läuft in den Bahnhof ein. Hier muss ich leider aussteigen. Traurig bin ich nicht etwa über die verpasste Gelegenheit meinen Traumtypen kennen gelernt zu haben, sondern überraschender Weise darüber, aus meinen schönen Träumen heraus gerissen worden zu sein.

Auf mein Tschüss hin, kommt Bewegung in mein bisher regloses Gegenüber. Sogar sprechen kann er auf einmal. „Ach, hier sind wir ja schon. Da muss ich auch raus“, sagt er mit einer unwiderstehlichen Stimme und lächelt mich viel versprechend an.

Lasst uns fröhlich sein

„Schlampe! Alte Kuh! Nicht einmal einkaufen kannst Du, alte faule Ziege!“ Laut schimpfend verließ Hubert das Haus, knallte die Tür hinter sich zu, schnappte sich das erst beste Fahrrad und fuhr wütend davon.

Amanda stand regungslos inmitten eines großen Scherbenhaufens, was das Geschirr und ihr Leben betraf. Teller, Gläser, Schüsseln des mit Liebe gedeckten Tisches samt Huberts Lieblingsessen – Rouladen mit Rotkohl – lagen um sie herum auf dem Boden verstreut.

Noch einmal mache ich das nicht mit, dachte Amanda und fing an hemmungslos zu weinen. Ein halbes Jahr war es gut gegangen. Hubert hatte sich nach seinem letzten Klinikaufenthalt sehr zu seinem Vorteil verändert. Es war fast so wie früher, in der ersten Zeit ihrer Ehe. Er war liebevoll und fürsorglich zu ihr und den Kindern. Er kümmerte sich um den Garten und das Haus. Sie konnten zusammen reden, sogar über die Zeit davor. Amanda hatte gehofft und gebetet, dass alles überstanden war. Hubert hatte sich so einsichtig gezeigt, versprochen, dass es nie wieder passiert. Er ging sogar freiwillig zur Selbsthilfegruppe.

Aber als er heute nach hause kam, fröhlich einen Blumenstrauß vor sich her schwenkend, war ihr bald klar, dass alles nur ein schöner Traum gewesen war.
Die Ruhe vor dem Sturm.

„Lass uns feiern!“, waren seine Begrüßungsworte. Als er sie in den Arm nehmen wollte, konnte sie sich nur angeekelt abwenden und ihn zur Seite schieben. Es war ihr als ob ihr jemand mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf gehauen hätte – so heftig und unerwartet traf Amanda seine Alkoholfahne.

„Was ist, Schätzchen?“, lallte Hubert. „Lass uns fröhlich sein. Die Kinder schicken wir zur Oma – wenn du weißt, was ich meine.“ Er lachte schallend, wie über einen guten Witz. Aber nur er! Niemand lächelte auch nur. Amanda und die Kinder, die neugierig auf der Treppe verharrten, erstarrten. Hubert wurde erst blass, als Amanda ihn von sich wies, dann puterrot. Plötzlich war die vermeintlich gute Laune umgeschlagen. Hubert fing an seine Familie wütend zu beschimpfen, rannte in die Küche und fegte mit dem Kommentar: „Was ist das denn für ein Saufraß!“ das Essen vom Tisch. „Gibt`s denn hier nichts Anständiges zu saufen?“, tobte er weiter und riss die Kühlschranktür auf. „Soll ich etwa das trinken?“, schrie er,
schmiss die Wasserfalsche in Richtung Amanda und rannte aus dem Haus.

Erst als Jannis sich weinend an sie klammerte, begriff sie richtig, was gerade geschehen war. „Er ist weg“, schluchzte Jannis.
„Hoffentlich kommt er nie wieder!“, flüsterte Annika, die Tränen überströmt in der Küchentür stand.

„Papa hat einen schlechten Tag heute. Er hat es nicht so gemeint“, versuchte Amanda ihre Kinder zu trösten. Aber gleichzeitig wusste sie, dass dem nicht so war. Die Kinder, die das alles in ähnlicher Form schon öfter erlebt hatten, wussten es natürlich auch. „Mach dir nichts vor, Mama“, hörte Amanda ihre Kinder sagen. „Es wird bald wieder so wie vorher sein.“

Nachdem sie gemeinsam das Chaos in der Küche notdürftig beseitigt hatten, kuschelten sich alle drei gemeinsam auf dem Sofa in eine Decke ein. Sie versuchten sich die schöne, friedliche Zeit mit Hubert ins Gedächtnis zu rufen, kamen aber immer wieder schnell auf seine Ausraster, die Schläge und die Angst, die er auslöste, zu sprechen. Dabei lauschten sie angestrengt auf jedes Geräusch, das von der Straße her zu ihnen ins Wohnzimmer drang.

Weit nach Mitternacht wurden Amanda und die Kinder durch anhaltendes Klingeln aus ihrem unruhigen Schlaf gerissen, in den sie schließlich doch wider Erwarten gefallen waren. Amanda rappelte sich auf und schlich vorsichtig in Richtung Hausflur. Blau flackerndes Licht erhellte den Flur, als sie die Tür langsam öffnete. Vor ihr standen zwei Beamte der Polizei.

„Frau Meyer“, sagte der größere von ihnen. „Wir müssen Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass ihr Mann einen schrecklichen Unfall hatte."